Wer nimmt das ganze Konzil an? PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 13. Juli 2012 um 16:18 Uhr

konzil 4Eduard von Habsburg-Lothringen hat am 10. Juli in der Zeitung "Die Tagespost" einen sehr lesenswerten Kommentar mit dem Titel "Das ganze Konzil annehmen" geschrieben.

Anlässlich der Forderung, welche man der Piusbruderschaft permanent stellt, nämlich "das Konzil vollumfänglich anzuerkennen", frägt sich der Autor gleich zu Beginn, welcher Katholik von heute denn überhaupt die gesamten Konzilstexte gelesen habe?

Das ganze Konzil annehmen 

VON EDUARD HABSBURG-LOTHRINGEN

Zunächst ein peinliches Geständnis: Ich habe die Konzilstexte noch nie gelesen. Ich bin seit 45 Jahren katholisch und habe das geschafft, ohne je das Kleine Konzilskompendium, jenen 776-Seiten-Ziegel von Rahner/Vorgrimler in die Hand zu nehmen und die sechzehn Texte durchzustudieren. Als jedoch die strengen medialen Stimmen immer lauter wurden, die von der Piusbruderschaft die bedingungslose Annahme des gesamten Konzils ohne Abstriche forderten, bevor sie überhaupt die Schwelle der katholischen Kirche überschreiten dürfe, da wurde mir etwas mulmig. Ich selber wusste gar nicht, ob ich das ganze Konzil bedingungslos annahm. War ich jetzt 45 Jahre lang nicht katholisch gewesen, ohne es zu wissen? Musste ich selber in einen Dialog mit Rom eintreten?

Zudem kam der fünfzigste Jahrestag der Eröffnung des Konzils näher. Also holte ich den etwas verstaubten dicken Band aus dem Regal und begann zu lesen. Das erste, was mir auffiel, war, dass offenbar bereits die Herausgeber des Kompendiums das Konzil nicht bedingungslos annahmen. Rahner und Vorgrimler nehmen sich in Einleitungen und vor allem dem Nachwort über nach-konziliare Entwicklungen gerne das pontifikale Recht heraus, hier Konzilsdokumente in den Himmel zu heben und dort abzuwatschen. Letzteres zwar in höflich-wissenschaftlicher Form, aber oft nur mit mühsam unterdrückter Wut. Und da fiel mir auf einmal die interessante Formulierung einer ORF-Journalistin ein, die jüngst in einem Gespräch sinngemäß sagte, es gebe Teile der Konzilstexte, die seien eben „reingeschrieben worden, damit der Tradition Genüge getan sei"; diese dürfe man getrost überlesen und sich auf die Teile beschränken, die einen „Geist der Öffnung" atmeten. Wieder eine, die das Konzil nicht ganz annahm.

Dann, die Erleichterung: Die meisten Texte klangen ganz normal, eigentlich wie das, was. ich auch glaubte. Es würde mir wohl nicht allzu schwer fallen, das ganze Konzil anzunehmen. Da gab es etwa klare Bekenntnisse zum Priesterzölibat oder gegen die Verhütung... Moment, dachte ich. Hieß das jetzt, dass alle, die den Zölibat hinterfragten oder für die Pille waren, das Konzil nicht in seiner ganzen Fülle annahmen? Und - war ihnen das überhaupt bewusst?

Was mich beim Lesen stellenweise ein wenig störte, aber das mag an der kurzen Aufmerksamkeitsspanne eines Twitter- und SMS-Benutzers liegen: Texte wie „Gaudium et spes" mit ihrer freudigen Umarmung der Welt und der Moderne enthalten sehr viel, Verzeihung, Geschwurbele. Schönreden. One-World-Romantik der sechziger Jahre. Wenn ich ganze Kapitel überspringen kann, ohne irgendetwas wirklich Wesentliches zu verpassen, dann macht mich das nervös. Ich bin absolut nicht sicher, ob ich ganz hinter allen Teilen zum Beispiel dieses Dokumentes stehe. Heißt das jetzt, dass ich das Konzil nicht ganz annehme?

Ich bin noch mitten im Lesen, schon jetzt stellen sich viele Fragen. Das ist gut so. Und was ist mit Ihnen? Wann haben Sie die Konzilstexte das letzte Mal ganz gelesen? Wenn dieser Kommentar Sie verunsichert hat, wäre das jetzt vermutlich ein guter Moment, das Kompendium mal wieder aus dem Regal zu nehmen. Es lohnt sich.

(Aus: Die Tagespost, vom 10 Juli 2012, Nr. 82, S.7)


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