Avraham Burg: Hitler besiegen PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, den 14. April 2010 um 14:53 Uhr

Immer wieder wird das Wort Holocaust-Leugnung im Zusammenhang mit der Priesterbruderschaft genannt. Plötzlich haben vor allem linksliberale Medien ein gesteigertes Interesse an der Piusbruderschaft. Aber nicht, weil ihnen etwas an der heiligen Messe in Latein gelegen wäre oder weil die Presse plötzlich verstanden hätte, wie wichtig es ist, den gesamten katholischen Glauben, so wie er durch die Konzilien über zweitausend Jahre bewahrt wurde, zu überliefern und zu verkünden - ohne Furcht vor einer säkular gewordenen Welt. Nein, das Interesse gewisser Medien ist eindeutig: Die Äußerungen von Bischof Williamson sind geeignet, das zu beweisen, was man gerne beweisen möchte: dass die Piusbruderschaft rechtsradikal sei.

Wer darf über den Holocaust urteilen? Wir Deutschen?

Nein. Aber es gibt jemanden, dessen Stimme sich zu hören lohnt. Sein Name ist Avraham Burg (Sohn von Josef Burg, der als Holocaust-Überlebender mitgeholfen hat, die Flucht von deutschen Juden nach Israel zu organisieren). Avraham Burg war Berater von Schimon Peres, Vorsitzender der Jewisch Agency und der World Zionist Organisation und von 1999 bis 2003 Sprecher des Israelischen Parlaments (Knesset).

Sein jüngstes Buch ist erst seit ganz kurzer Zeit, seit 2009, in deutscher Sprache erhältlich. Es ist in gewisser Weise die ideale Antwort auf die gesamte Diskussion, denn sie stammt aus dem Munde eines Berufenen, eines Juden, der aktiv die Geschicke des modernen Israel mitgeprägt hat. Sein Urteil ist auch für uns Deutsche geradezu wegweisend. Denn es geht ihm nicht darum, das Opfer zu schmälern, das die von den Nazis Verfolgten zu erdulden hatten. Das ist makaber, das verletzt die Gefühle dieser Menschen und verachtet letztendlich ihr Leiden.

Aber es geht darum zu fragen, was heute, ein halbes Jahrhundert später geschieht. Das Gespräch mit der dritten Generation nach dem Holocaust - sowohl in Deutschland als auch in Israel.

Seine Antwort hätte wohl kein Deutscher je erwartet: Die Shoah wird auch in Israel, für die Kindes-Kinder, zum Trauma, das alles beherrscht!

Lesen Sie hier einige Auszüge aus dem Buch von Avraham Burg:

"Lang lebte ich ein israelisches Leben: behütete Kindheit, Jugendbewegung, Schule, Militärdienst, Studium, öffentlicher Dienst. Ich war durch und durch Israeli, ein streng koscherer Sabra (ein gebürtiger israelischer Jude). Erst später ging mir auf, welches Wunder meine Eltern vollbracht hatten. Sie ließen nicht zu, dass Tragödien und Traumata unser Leben beherrschten. [...] Von den lautstarken Demonstrationen in Jerusalem gegen deutsche Reparationen und diplomatische Beziehungen zu Deutschland oder auch vom Eichmann-Prozess, über den viel berichtet wurde, drang, wenn überhaupt, nur wenig bis nach Hause vor. Ich kann mich nicht erinnern, dass über diese Dinge je gesprochen wurde. Die Shoah-Industrie, die sich später in Israel entwickelte, war mir fremd. Ich bin kein Psychologe und weiß nicht, ob meine Eltern die Gräultaten, die sie in ihrer Jugend erlebt, die Schrecken, die ihre glückliche Kindheit ausgelöscht hatten, erfolgreich verdrängten. Vielleicht bauten sie sich eine eigene Realität auf und schufen eine neue Welt. Jedenfalls war ich als Kind weder emotional noch praktisch je einer "Shoahisierung" ausgesetzt, obwohl diese kulturelle Bewegung uns Israelis zur zweiten Natur geworden ist." (S. 22f)

Avraham Burg macht klar, dass es eben nicht darum geht, Vergangenes zu schmälern oder zu rechtfertigen:

"In diesem Buch geht es nicht um Geschichte. Ich bin kein Interpret der Vergangenheit, sondern lediglich Konsument der Nachrichten, die sie produziert. Mit der Vergangenheit befasse ich mich nur, um die Gegenwart zu verstehen. Es geht auch nicht um eine weitere Anklage gegen Hitler und seine Gefolgsleute. Nach meinem Urteil sind sie für immer schuldig. Es geht vielmehr um unsere Geschichte jenseits ihrer ungeheuren Verbrechen." (S. 27)

In dem Kapitel "Der allgegenwärtige Holocaust" spricht er die Problematik der heutigen Situation in Israel in ihrer Wurzel aus:

"Die Shoah ist in meinem Leben ständig präsent wie ein Rauschen im Ohr. Obwohl ich von keinem ihrer Gräuel persönlich betroffen war, habe ich das Gefühl, dass diese dunkelste Periode der Menschheitsgeschichte allgegenwärtig ist, überall, und vieles an sie erinnert. Kinder bereiten sich auf die "Auschwitz-Fahrt" vor. Staatschefs feiern den 60. Jahrestag der Befreiung. [...] Kein Tag vergeht, ohne dass in der einzigen Tageszeitung, die ich lese, Haaretz, etwas über die Shoah stünde. Dabei geht es um verschiedene Themen: Reparationen, Entschädigungen, Antisemitismus, eine neue Analyse, ein interessantes Buch, ein erhellendes Interview. Die Shoah ist wie ein Ozonloch: nicht zu sehen, aber immer präsent, abstrakt, aber folgenschwer. Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass die Shoah zu einer theologischen Stütze der modernen jüdischen Identität geworden ist [...]. (S. 30)

Besonders ergreifend ist die Erzählung von seiner Tochter, die eines Tages aus der Schule heimkehrt und sagt: "Heute hatten wir eine Vorbereitungsstunde für unsere Polenfahrt. Der Schulleiter sagte, dass wir alle Überlebende der Shoah sind." Avraham Burg beschreibt, was dann geschah: "Sie und ihre Freundinnen fuhren schließlich nach Polen, wie es für viele israelische Teenager inzwischen üblich ist, und kehrten als veränderte Israelis zurück. Nur mein jüngster Sohn, Noam, schloss sich diesem Trend nicht an. Ebenso wie ich möchte auch er seine israelische, jüdische und universelle Identiät nicht auf dem schlimmsten Trauma der Menschheit aufbauen. Anstelle des Schweigens, das in meinem Elternhaus das Thema Shoah umgab, war nun deren Popularisierung getreten." Und mit aller Radikalität stellt er fest, was hier geschieht: Die "Shoahisierung" derer, die die Shoah gar nicht miterlebten: "Ich sehe dieses Buch als Gespräch zwischen meinem Vater, Josef Burg, einem gebürtigen Deutschen, der nie das Leben eines Überlebenden führte, und meinen Kindern, Sprösslingen eines unabhängigen, souveränen Staates Israel, die in der Schule lernten, dass 'wir alle Shoah-Überlebende' sind." (S. 31)

Ist das nicht gleichsam die andere Seite der Medaille, das Gegenstück zu dem, was in Deutschland geschieht? Auch hier fahren die Kinder nach Auschwitz, Mauthausen, Dachau. Sie kehren heim als veränderte Deutsche mit dem Satz: "Ich bin ein Kind der Täter", so wie die Tochter von Avraham Burg heimkehrte in dem Bewusstsein: "Ich bin Kind eines Opfers."

Wenn man dann liest, was Avraham Burg über die Zeit vor und direkt nach der Shoah schreibt, wie in seinem Stadtteil Rehavia, dem "Kleindeutschland Jerusalems", die letzten Strahlen einer deutsch-jüdischen Vergangenheit leuchteten, wird einem schwer ums Herz: "Dieses Viertel meiner Kindheit war literarisch geprägt und barg die Verheißung auf Wohlstand.[...] Diese großartige, aber allmählich sterbende deutsch-jüdische Tradition hatte in Rehavia ein letztes Refugium gefunden. Damals gab es nirgends sonst in Israel oder anderswo einen Ort, an dem Gebäude sich nach außen in moderner Bauhausarchitektur präsentierten und in ihrem Innern ganze Bibliotheken mit dicken deutschen Büchern in Ledereinband bargen. [...] Selbst der hagere Schornsteinfeger Arnheim, der mit seinem rußgeschwärzten Besen auf einem knatternden Sachs-Motorroller herumfuhr, stellte eine Verbindung zu Deutschland dar. [...] In meiner Kindheit nannten alle die Rehov Ben Maimon stolz mit dem deutschen Wort Ben-Maimon-Straße. Damals lebten in Rehavia Richter und hohe Beamte. Erst wesentlich später wurde mir allmählich klar, dass ich als Kind in Wirklichkeit die letzten Reste vergänglicher Pracht erlebt hatte. Ich sah sie nur im Untergang, nie in ihrem Glanz. Die deutsch-jüdischen Einwanderer waren großartig. Sie bauten Fabriken und Stadtviertel, legten den Grundstein zur Hebrew University, unterstützen deren Forschung und bereicherten die kulturelle Landschaft. Doch dann wandte sich Israel von ihnen ab, und da sie kultiviert und gebildet waren, drängten sie sich nicht in den Vordergrund. Obwohl heute die Erinnerung an sie nahezu verblasst ist und das moderne Israel sich von ihren Träumen und meinen naiven Kindheitserwartungen unterscheidet, möchte ich an ihnen festhalten und ihr Verschwinden für einige Zeit hinauszögern. Ich möchte nicht nur sie begreifen, sondern mich und uns als Volk." (S. 22)

So versteht man die Worte besser, mit denen Avraham Burg sein Kapitel über den "allgegenwärtigen Holocaust" beschließt:

"Die Krise ist bereits da. Wenn ich die Komponenten meiner Identität und die Ursache meiner Identitätskrise unter die Lupe nehme, sehe ich nur einen roten Faden, der uns alle verbindet: den dichten Schatten, die unerträgliche Last der Shoah und ihrer Schrecken. Sie ist die Quelle von allem und absorbiert alles. Das geht so weit, dass ich manchmal am liebsten den Anfang der Bibel umschreiben würde: »Am Anfang war die Shoah, und die Erde war wüst und leer.«

Die Shoah ist in unserem Leben präsenter als Gott. Im Mussaf-Gebet heißt es über Gott: »So weit die Erde, reicht seine Herrlichkeit« - es gibt keinen Ort der Erde ohne die Präsenz Gottes. Der Diskurs in Israel, der jüdischen und sogar der weiteren Welt zeigt heute, dass die Shoah die grundlegende Erfahrung nicht nur unseres Nationalbewusstseins, sondern der westlichen Welt insgesamt darstellt. Generäle diskutieren Israels Sicherheitsdoktrin als »Shoah-proof« (Shoah-sicher). Politiker nutzten sie als zentrales Argument für ihre ethischen Manipulationen. Menschen auf der Straße erleben täglich die Wiederkehr ihrer Schrecken, und die Zeitungen sind voll von endlosen Storys, Artikeln, Verweisen und Äußerungen, die von der Shoah ausgehen und sie in unser Leben zurückspiegeln.

Die Shoah ist so allgegenwärtig, dass sie in einer Studie, die vor einigen Jahren an einer Lehrerakademie in Tel Aviv durchgeführt wurde, von 90 Prozent der Befragten als wichtigstes Ereignis der jüdischen Geschichte eingestuft wurde. Damit ist die Shoah wichtiger als die Erschaffung der Welt, der Exodus aus Ägypten, die Offenbarung der Tora auf dem Berg Sinai, die Zerstörung der beiden Heiligen Tempel, das Exil, der Messianismus, die erstaunlichen kulturellen Leistungen, die Geburt des Zionismus, die Gründung des Staates Israel oder der Sechstagekrieg. Diese Einschätzung stammt von angehenden Lehrern! Hinzu kommen Tausende Schüler und Studenten, die alljährlich nach Auschwitz fahren. Dieses Bildungsprogramm nennt sich »Marsch der Lebenden« oder »Marsch der Erinnerung und Hoffnung« und bringt Schüler und Studenten aus der ganzen Welt nach Polen, wo sie sich die Überreste des Holocaust ansehen. Am Holocaust-Gedenktag (Yom Hashoah) findet ein Schweigemarsch von Auschwitz nach Birkenau statt zum größten Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs. Das ist das feierliche jüdische Totenritual.

Ich bezweifle nicht, dass Erinnerung für die geistige Gesundheit einer Nation wichtig ist. Daher muss die Shoah eine herausragende Stellung im Erinnerungsmosaik der Nation einnehmen. Aber so, wie das Gedenken sich heute gestaltet - das absolute Monopol und die Dominanz der Shoah über alle Aspekte unseres Lebens -, verwandelt es diese heilige Erinnerung in ein lächerliches Sakrileg und lässt brennenden Schmerz hohl und kitschig werden. Je mehr Zeit vergeht und je tiefer wir in unserer Auschwitz-Vergangenheit feststecken, umso schwerer wird es, sich daraus zu befreien. Wir ziehen uns aus der Unabhängigkeit zurück in die Tiefen des Exils mit seinen Erinnerungen und Schrecken. Israel ist heute wesentlich abhängiger als bei seiner Gründung und stärker vom Holocaust geprägt als drei Jahre nach Schließung der Todesfabriken der Nazis." (S. 33f)

Aus: "Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss", Von Avraham Burg; erschienen im Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2009

Zu beziehen bei: Campus-Verlag


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